LAURENT METTRAUX
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CD - Aufnahme
I.
Chor (Gregor von Nazianz)
O Du, der Du über allem bist
– wie
sollte ich Dich anders nennen? –
Welche Hymne kann Dich loben?
Kein Wort
kann Dein Wesen ausdrücken.
Welcher Geist kann Dich fassen?
Kein Wissen
begreift Dich.
Einzig,
bist Du unabbildbar;
Alles
Gesagte ist von Dir ausgegangen.
Einzig,
bist Du unbegreiflich;
Alles
Denkende ist von Dir ausgegangen.
Alles
Seiende preist Dich,
Die, die
sprechen können wie die Stummen.
Alles
Seiende huldigt Dir,
Die
denkenden Wesen wie die, die nicht denken.
Die allumfassende Sehnsucht, das Stöhnen aller Wesen
Strebt zu
Dir.
Alles, was
ist, betet zu Dir,
Und zu Dir
lässt jedes Wesen, das Dein Universum lesen kann,
eine Hymne
der Stille aufsteigen.
Alles, was
verweilt, verweilt in Dir.
Du bist
Anfang und Ende allen Seins.
Du bist einzig.
Du bist
jeder und Du bist niemand.
Du bist
nicht ein einzelnes Wesen, Du bist nicht das Ganze.
Du besitzt
alle Namen,
Wie sollte
ich Dich nennen,
Dich, den
Einzigen, den man nicht benennen kann?
Hab’ Mitleid, o Du, der Du über allem bist!
– wie
sollte ich Dich anders nennen? –
II. Alto solo (Rainer Maria Rilke, Auszüge
aus dem Gedicht „Schutzengel“ aus dem Buch der Bilder)
Du bist der
Vogel, dessen Flügel kamen,
wenn ich
erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den
Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein
Abgrund, tausend Nächte tief.
Wie nenn ich dich?
Sieh, meine
Lippen lahmen.
Du bist der
Anfang, der sich groß ergießt.
Du: der von
Wundern redet wie vom Wissen
und von den
Menschen wie von Melodien.
Du bist der
Schatten, drin ich still entschlief,
und jeden
Traum ersinnt in mir dein Samen.
Wie nenn ich dich?
Sieh, meine
Lippen lahmen.
Befiehlst
du, daß ich frage?
III.
Chor (z. T. nach einem Inkahymnus an Viracocha)
O Macht des Erschaffenen!
Seist du
männlich,
Seist du
weiblich,
O Meister
des Lebens,
wer immer
du sein magst,
Herr des
entstehenden Lichts,
Wo bist Du?
Du magst in
der Höhe sein,
Du magst in
der Tiefe sein,
Oder
vielleicht ringsumher,
Mit deinem
herrlichen Thron und deinem Zepter!
Höre mich!
Vom
unendlichen Himmel,
Wo Du
vielleicht weilst,
Schöpfer
der Welt,
Erschaffer
aller Menschen,
Herrscher
aller Herrscher,
Richte doch
Deinen Blick auf mich!
Meine Augen versagen mir
Wegen der
Sehnsucht, Dich zu sehen,
Einzig
wegen der Sehnsucht, Dich zu erkennen.
Könnte ich
dich doch bewundern,
Könnte ich
dich doch kennen,
Könnte ich
dich doch betrachten,
Könnte ich dich
doch verstehen.
Wer bist du?
Wo bist du?
Was denkst
du?
Sprich!
Antworte
mir!
IV.
Alto solo (nach Ibn ul-Arabi und Angelus Silesius)
Niemand
versteht Ihn, außer Er selbst.
Niemand
kennt Ihn, außer Er selbst...
Er kennt
sich durch Sich selbst...
Ein von Ihm
Verschiedener kann Ihn nicht verstehen.
Sein
undurchdringlicher Schleier ist Seine Existenz selbst.
Und zu
Seinem Schleier aus Licht führt kein Weg hin.
Wer nicht
selbst Licht wird, wird Ihn niemals in aller Ewigkeit erblicken können.
V. Bass solo
(nach einem Gebet von Guillaume de St-Thierry, einem Hymnus an Thot von
Amenemone und zwei Fragmenten, aus einem anonymen ägyptischen Text und von
Synesios)
Herr,
Mein Herz
ist voller Sehnsucht nach Dir.
Ich suche
Dein Antlitz
Ich suche
Dein Gesicht,
mit Deiner
Hilfe.
Wende Dich
nicht von mir ab.
Herr, ich verweile vor Dir
Wie ein
Armer,
Wie ein
Bettler,
Wie ein
Blinder:
Während Du
mich siehst,
kann ich
Dich nicht sehen.
O Du, der
Du das Wasser aus entfernten Brunnen herbeibringst,
Komm und
erfrische mich.
O Quelle
der Sanftheit,
Komm zum
Menschen, der dürstet in der Wüste,
Du, der Du
verborgen bist für den, der sprechen kann
Und
offenbar für den, der schweigt.
Es komme,
der singt
Für Dich
eine Hymne aus Schweigen,
Und er
finde den Brunnen;
Es komme,
der fiebert, und Du bist unerreichbar.
Siehe
Deinen Bittsteller, der sich zu erheben versucht:
Erleuchte
mich,
Breite
meine Flügel aus,
Befreie
mich von meinen Fesseln.
Könnte ich
doch meinem Leib entfliehen
Und aufsteigen
zu Dir, der du die Quelle meiner Seele bist.
Führe mich
zurück zur Quelle, von der ich stamme.
Gewähre
mir, dass ich in Deinem Licht vergehe.
VI. Soli
und Chor (altägyptischer Hymnus und Angelus Silesius)
Einzig ist der Höchste
Der sich
vor den Göttern und den Menschen verhüllt,
entfernt
vom Himmel
Abwesend
von den Unterwelten.
Was man über Ihn aussagt Den Abschnitt
hören (Ende Teil VI)
Ist eher
Unwahrheit als Wahrheit,
Denn man
kann Ihn sich nur vorstellen
Nach den
Bildern des Geschaffenen.
Niemand
kennt Seine wahre Gestalt,
Falsch sind
die Darstellungen
Die man
sich von Ihm machen kann.
Gott ist ein lauter Nichts
Ihn rührt
kein Nun noch Hier
Je mehr du
nach Ihm greifst
Je mehr
entwird Er dir.
Er ist zu
geheimnisvoll, als daß Seine Hoheit enthüllt werden könnte,
zu groß, um
erforscht,
zu stark,
um erkannt zu werden...
Man kann
Ihn mit allen Namen nennen;
Man kann
Ihm wiederum nicht einen zuerkennen.
Aber Sein wahrer Name ist unaussprechlich
Und wer ihn
ausspräche, würde vernichtet.
VII.
Chor (Hymne von Proklos)
Wie Dich
feiern,
O Du, der
Du über allem bist?
Mit welchem
Wort, unter welchem Namen?
Unbenennbarer,
Unbenannter;
Und doch
kommen von Dir
Die Worte,
die wir gebildet haben.
Unerkennbarer,
Unerkannter;
Alles, was
wir denken, ist doch Dein.
Alles
entstammt Dir,
Aber Du, Du
wirst nicht, Du bist...
Du bleibst
unbewegt,
Geborgen
durch Deine Klarheit.
Du bist das
Zentrum und der Anfang,
Du bist das
Ende und das Ziel,
Du bist der
Eine, und doch verschieden,
Und weder
verschieden noch eins.
Wie also
sollte man Dich nennen,
Du, der Du
das einzige Wesen bist,
Von dem man
nicht sprechen kann.
Welches
Wissen könnte Dich erreichen,
Jenseits aller
Bedingtheit,
Du, den man
nicht benennen kann,
Noch
eingrenzen, ohne sich zu vergehen.
VIII.
Sopran solo (Angelus Silesius)
Wer Gott
ist, weiss man nicht.
Er ist
nicht Licht, nicht Geist,
Nicht
Wonnigkeit, nicht Eins,
Nicht was
man Gottheit heisst,
Nicht
Weisheit, nicht Verstand,
Nicht
Liebe, Wille, Güte.
Kein Ding,
kein Unding auch,
kein Wesen,
kein Gemüte,
Er ist was ich und du und keine Kreatur, Den Abschnitt
hören (Ende Teil VIII und Teil IX)
Eh wir
geworden sind was Er ist, nie erfuhr.
IX.
Tenor solo (z. T. nach mystischen Gedichten von Tukaram)
Wie könnte
man Dein Geheimnis verstehen,
Du, der Du
ohne Begrenzung bist?
Wie könnte
man Dein Gesicht bewundern,
Du, der Du ohne
Beschränkung bist?
Verwandle
Dich, so daß ich Dich sehen kann,
In Deiner
ganzen Herrlichkeit und Pracht.
– Diesseits
der siebenstufigen Unterwelt erstreckst Du Dich,
Jenseits
des unermesslichen Himmels:
Meine
Mückenaugen, könnten sie Dich betrachten? –
Für mein höchstes Verlangen, zeige Dich doch
In den
Zügen eines schönen, verletzlichen Kindes.
Du wirst
die Gestalt annehmen, die die Deinen erhoffen, ich weiß es.
Tag und
Nacht wache ich, mit entzündeter Lampe.
Wie ein
Bettler vor dem Tor halte ich mich aufrecht und flehe Dich an.
Wie ein
Fisch an Land ersticke ich.
Wie ein
Kind, das sich im Wald verirrte, suche ich Dich weinend.
Deine
Abwesenheit, o mein Gott, hat das Land in eine Wüste verwandelt!
Lass’ mich
nicht umsonst nach Dir rufen: ich habe keinerlei Verdienst,
Ich besitze
nichts, ich fordere nichts, ich bitte nur um eine unverdiente Gabe.
Haben etwa meine Vergehen Deinen Zorn geweckt?
O Herr des
Schicksals,
Lass’ nicht
das erdrückende Gewicht meiner Fehler auf mich zurückfallen:
Meine
zahllosen Versäumnisse, ich lege sie in Deine liebenden Hände.
Meine Seele liegt auf dem verlassenen Weg, mein Herz entbrennt
vor Ungeduld...
Wo verbirgst Du Dich?
Wen
tröstest Du in seinem Leiden?
Wäre dies
die Länge des Weges
Die Dein
Kommen verzögert?
Wo verbirgst Du Dich?
Wem bist Du
zu Hilfe geeilt?
Schläfst
Du, mein Gott?
Warum behältst Du Deine steinerne Verhüllung bei?
Was ist los
mit Dir in Deinem Himmel?
Wärst Du
etwa tot?
Ich bin ein
Waisenkind ohne Hoffnung!
Niemand,
der mich beschützt, keine Zuflucht.
Die Welt
macht mich Zittern,
Die Welt
verfolgt mich...
Weigerst Du
Dich, mich zu retten?
Warum
machst Du mich so bedauernswert,
Verachteter
als einen Bettler?
Warum
versagt Deine Hand bei mir?
Mein Herz errötet vor Scham, sich Deinen Verehrer zu nennen!
Ach,
bitterer Geschmack dieser Worte in meinem Mund!
Die alten
Weisen schämten sich wegen Dir:
Ich wollte
ihnen nicht glauben;
Nun weiß
ich, daß sie recht hatten.
Jetzt kenne
ich Deine wahre Natur:
Wie konnte ich
mich blind machen vor Deinem Wesen!
Ohne Liebe,
ohne Mitleid,
kleinlich,
zynisch, so bist Du!
Du
zerfleischst Deine eigenen Kinder,
Du läßt sie
leiden zu Deinem eigenen Vergnügen!
Du läßt Dir
Gewalt und Unrecht gefallen,
Du scheust
Dich nicht, den Unschuldigen zu strafen!
Du läßt uns auf Deine Güte hoffen
Um uns
besser täuschen und brechen zu können!
Deine Schöpfung ist ein Versuchsfeld
Um Deine
Geschöpfe zu foltern und zu martern!
X. Chor
(Ausschnitt aus einem Hymnus von Ibn ul-Arabi)
Geliebter,
So viele
Male habe Ich dich gerufen
Du hast
Mich nicht gehört!
So viele
Male habe Ich Mich dir gezeigt,
Du hast
Mich nicht gesehen!
So viele
Male habe ich Mich sanft verströmt,
Du hast es
nicht gespürt!
So viele
Male habe ich Mich in köstliche Speise verwandelt,
Du hast
nicht davon gekostet!
Weshalb kannst Du Mich nicht ertasten
Durch alle
die Dinge hindurch, die Du mit Händen greifst?
Weshalb
kannst Du mich nicht einatmen durch alle Gerüche hindurch?
Warum siehst du Mich nicht?
Warum hörst
du Mich nicht?
Warum? Warum? Warum? Den Abschnitt
hören (Ende Teil X und Teil XI)
XI.
Sopran solo (nach mystischen Gedichten von Halladsch)
Welches Land wäre leer von Dir
Daß man
sich aufmacht, Dich im Himmel zu suchen?
Du siehst
die, die Dich anschauen,
Aber blind
wie sie sind, nehmen sie Dich nicht wahr.
Mit dem Auge des Wissens wies mein Blick
Auf das
reine Geheimnis meiner Versenkung.
Ein
unfaßbares Leuchten erschien in meinem Bewußtsein.
Ich teilte das aufgewühlte Meer meines Denkens
Und
durchquerte es wie ein Pfeil;
Mein Herz
flog mit den Federn meiner Erinnerung davon
Dem
entgegen,auf den ich seither, fragt man mich nach Ihm,
mit einem
Zeichen weise, aber benennen werde ich ihn nicht.
Mit diesem
Verstehen, eingraviert in mein Herz,
Verließ
mich die Erscheinung meines Egos
So sehr,
daß ich meinen Namen vergaß...
XII.
Soli und Chor (Pushpadanta zugeschrieben: an Shiva)
Das Beschränkte
wüßte nicht, das Unbeschränkte zu auszudrücken,
Selbst das
heilige Wort
Das den
Schein Deiner vielen Gestalten zerstört hat
Benennt
Dich mit Schaudern
Und
entstellt Dich, wenn es sich Dir nähert.
Wer kann Dich besingen?
Wer kann um
den Überfluß Deiner Natur wissen?
Wer kann
den Ort Deiner Anwesenheit beschreiten ?
Niemand.
Wessen
Denken,
Wessen
Reden
Versänke
nicht im Irrtum?
"Was ist Sein Wille?
Wessen ist
Er mächtig?
Hat Er eine
Gestalt?
Aus welchem
Urstoff läßt der Schöpfer die Welt hervorgehen?
Und zu
welchem Zweck?"
Welch schwankende und zwecklose Nachforschung
Über Deine
unergründliche Macht!
Menschen
von auseinandergefallenem Geist erregen sich
Und nähren
ihre Illusion immer wieder neu.
Gnostik,
Agnostizismus,
Monotheismus,
Polytheismus,
Atheismus,
Pantheismus,
Soviele
Wege, die sich Dir zu nähern versuchen...
Man hält
einen für ideal,
Den anderen
für besser.
Je nach
ihren Voraussetzungen,
Nach ihren
Interessen oder Befürchtungen
Bevorzugen
die Menschen
Gewundene
oder gerade Wege.
XIII.
Sopran solo (mystisches Gedicht von Halladsch)
Du bist es,
der allein für mich von Belang ist.
Deine
Erwähnung fesselt mich nicht:
Sie ist
nichts als Einbildung und Mutmaßung
Die Dich
vor den Blicken jener verbirgt
Die ihre
Wahrnehmungen unter Geschwätz begraben.
XIV.
Soli und Chor (Pushpadanta zugeschrieben: an Shiva)
Die Worte
verhüllen Deine Natur.
Du bist die
Sonne, Du bist der Mond, Du bist der Wind,
Du bist das
Feuer,
Du bist die
Wasser, Du bist der Himmel, Du bist die Erde,
Du bist die
Seele der Welt...
Hier unten
wissen wir nicht, Was Du bist,
Aber wir
wissen,
Daß Du Dies
bist.
Du bist,
O
Segensspender
Zugleich
das Eine und das Viele!
In Dir grüße ich das Ganz-Nahe, Den Abschnitt
hören (Ende Teil XIV und Teil XV)
Du, der Du
die Allgegenwart bist,
Und ich
grüße das Weit-Entfernte!
In Dir grüße ich das Winzigste
Du, der Du
die Allmacht bist,
Und ich
grüße das Unermeßliche!
In Dir
grüße ich das Uralte,
Du, der Du
die Allwissenheit bist,
Und ich
grüße das Sehr-Junge!
In Dir grüße ich das Alles!
Und Dich,
der Du über allem bist,
Ich grüße
Dich!
XV.
Soli und Chor (aus dem Tao te king von Lao-tse)
Den Gott, den man sich vorstellen kann
Ist nicht das
ewige Sein.
Den Namen,
den man ihm gibt
Ist nicht
der unwandelbare Name.
Ohne Namen
Ist der
Ursprung des Himmels und der Erde.
Namen
besitzen
Die
Vielheiten der Wesen.
Die Leere des Seins
Meditiert
die Wurzel aller Dinge.
Das Sein
Erwägt
seine Erscheinungen.
Beide sind
eins,
Nur durch
ihre Namen unterschieden.
Eines, das
unergründlich ist,
Ist das
Geheimnis der Geheimnisse,
Geheimes
Tor aller Mysterien.
Übersetzung
: René Schurte